Nino Allert

Nino Allert

Sichere Orte für Frauen und Kinder brauchen verlässliche Unterstützung

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Die Frauenhäuser in Wächtersbach und Hanau helfen Betroffenen seit vielen Jahren aus der Gewaltspirale heraus / Hanauer Stadtlauf als wichtige Säule

Main Kinzig Echo MKK Nachrichten 406 Stadtlauf Plakat ohne logo

Main-Kinzig-Kreis. – Ein Frauenhaus ist nicht nur ein Ort, der eine Schlaf- und Kochmöglichkeit bietet. Er ist ein Ort, der Frauen und Kindern, die von körperlicher, seelischer und auch sexueller Gewalt betroffen sind, Schutz gewährt, der Leben retten und der zu einem Neuanfang verhelfen kann. Ein Ort der Hoffnung, wenn für die Betroffenen alles dunkel ist. Das Frauenhaus in Wächtersbach ist einer dieser Orte im Main-Kinzig-Kreis, schon seit 30 Jahren. Das Frauenhaus Hanau bietet bereits seit mehr als 40 Jahren Schutz, Zuflucht und Beratung an.

„Gewalt kann viele Ausprägungen haben. Viele denken zunächst einmal an körperliche Gewalt. Aber auch psychische Gewalt und Beleidigungen und Herabsetzungen gehören dazu“, erklärt Brigitte Machnitzke vom Trägerverein Frauen helfen Frauen Wächtersbach. Mit dem Ortswechsel in ein Frauenhaus ist es für die Betroffenen und ihre Kinder aber häufig nicht getan, denn ein großer Teil der Ex-Partner nimmt die Trennung nicht einfach friedlich hin. Es kommt zum Stalking und Mobbing, der Ex-Partnerin wird hinterherspioniert: Im Freundeskreis, in der Verwandtschaft, in der Nachbarschaft oder am Arbeitsplatz. Das ist eine sehr belastende Situation. Oder es kommt vor, dass der Ex-Partner Lügen über die Ex-Partnerin verbreitet, die damit in ein schlechtes Licht gerückt werden soll. Oder die Mutter wird den Kindern gegenüber schlechtgemacht. Deshalb werden die Adressen  der Frauenhäuser-Standorte nicht veröffentlicht.

„All das ist für die Betroffenen ein großes Problem und eine große seelische Belastung, die zu ihrer gegenwärtigen unsicheren Lebenslage hinzukommt“, weiß Lea Kircher, die mit Brigitte Machnitzke  die Frauen auf ihrem Weg aus der Gewalt begleitet. Viele der Frauen, die im Frauenhaus allein oder mit ihren Kindern Unterschlupf suchen, sind in einer solchen Situation erst einmal überfordert, wenn es um die Bewältigung des Alltags außerhalb der gewohnten Strukturen geht. Im Frauenhaus erfahren sie Hilfe und Begleitung, etwa bei den nötigen Behördengängen und dem Stellen verschiedener Anträge. „In der Regel verlassen die Frauen ihre Partner heimlich, weil sie einen Gewaltexzess in der direkten Konfrontation befürchten. Dann kommen sie nur mit ganz wenig Gepäck. Die Teams in den Frauenhäusern sind auf solche Situationen vorbereitet. Wichtig ist, dass die betroffenen Frauen den Mut aufbringen diesen ersten wichtigen Schritt zu gehen“, so Brigitte Machnitzke. Die Frauenhäuser sind deshalb möbliert und mit Bettwäsche, Handtüchern und Küchenutensilien ausgestattet. Das Frauenhaus in Wächtersbach bietet zusammen mit dem in Hanau 48 Plätze und mehrere Familienzimmer. „Der Bedarf ist jedoch etwas mehr als doppelt so hoch“, so die persönliche Einschätzung von Brigitte Machnitzke.

Die Frauenhäuser in Hessen arbeiten zusammen und nutzen hierfür eine Webseite, die bei der schnellen Suche nach freien Plätzen hilft, so dass der Weg ins Frauenhaus mitunter in eine weiter entfernte Stadt führt, was bei akuter Bedrohungslage durch den Expartner durchaus hilfreich sein kann.

Allen Frauen gemeinsam ist in der Regel eine jahrelange Leidenszeit, verbunden mit einer letzten Endes doch vergeblichen Hoffnung, dass der Partner sein Verhalten doch noch ändern könnte. „Die Frauen haben eine schlimme Zeit hinter sich, der Auszug ist für sie der letzte Ausweg und mit viel emotionalem Stress verbunden. Da braucht es Zeit, bis sie ihr Leben neu sortiert haben. In dieser Phase erhalten die Frauen von uns Unterstützung und Rat und auch die Kinder werden psychologisch betreut, um das Erlebte besser verarbeiten und einsortieren zu können“, erklärt Brigitte Machnitzke.

Eine Frauenhaus-Bewohnerin erzählt

Eines dieser Kinder ist die 17-jährige Anika (Name geändert), die seit einem Jahr mit ihrer Mutter und zwei jüngeren Geschwistern im Frauenhaus lebt. Die junge Frau hat sich in den vergangenen Jahren aufgrund der häuslichen Situation mit ihrem drogenabhängigen Vater sehr um die Familie gekümmert und auch Verantwortung übernommen – auch für den Vater. Dieser sei unberechenbar gewesen, vor allem, wenn er gerade keine Drogen hatte. Es fing mit Alkohol an, später waren es Kokain und Heroin. Dieser durch die Drogensucht gezeichnete Vater sei furchteinflößend und fremd für die Kinder. Aber da sei noch dieser andere, liebe und nette Vater gewesen, dem sie helfen wollte, von der Drogensucht wegzukommen. Also telefonierte die Tochter immer wieder, um einen Platz in einer Entzugsklinik für ihn zu finden und er versuchte ein paar Mal, von den Drogen wegzukommen, jedoch ohne Erfolg. Die Mutter sei durch den gewalttätigen Partner eingeschüchtert gewesen. Obwohl die Eheleute längst räumlich getrennt waren, tauchte der Vater eines Nachts an der Wohnung auf, er brauchte dringend Geld, um sich Drogen zu beschaffen. Dabei geriet er so außer sich, dass er anfing, das Mobiliar zu zertrümmern und er drohte auch Frau und Kindern. Vor dem Eintreffen der Polizei flüchtete er dann durch einen Sprung aus dem Fenster.

Für die Familienhelferinnen stand nach diesem Vorfall fest, dass die Familie so schnell wie möglich einen sicheren Ort braucht. Ein paar Tage später zog die Mutter mit ihren Kindern ins Frauenhaus. Erst jetzt, Monate später, kann die 17-Jährige sich in Ruhe Gedanken darüber machen, was sie selbst mit ihrem Leben anfangen will. Weil sie sich jetzt nicht mehr um ihren Vater kümmern muss und keine unmittelbare Angst mehr um ihre Mutter und ihre Geschwister hat. „Natürlich machen wir uns weiterhin Gedanken darüber, wie es unserem Vater geht, ob er genug zu essen hat und ob er es warm und trocken hat. Wir hatten seit dieser schlimmen Nacht keinen Kontakt mehr zu ihm“, sagt die 17-Jährige. Für sie und ihre Familie ist das im Moment die beste Lösung.

Das Frauenhaus in Wächtersbach

Zwischen 1992 und 2021 wurden alleine im Frauenhaus Wächtersbach 1322 Frauen und 1401 Kinder aufgenommen. Manche blieben nur ein paar Tage, andere wohnten bis zu einem Jahr in der Einrichtung. „Das hängt dann auch davon ab, wie schnell wir eine passende und finanzierbare Wohnung finden können und wie schnell die Betroffenen wieder in der Lage sind, ihr Leben selbst zu organisieren“, erklärt Brigitte Machnitzke. Seit dem Umbau des dortigen Frauenhauses im Jahr 2020 stehen nun mehr Räume, Küchen und Bäder zur Verfügung. Das Haus verfügt über Beratungsräume im Erdgeschoss und bietet Platz für Gruppengespräche. Auch das Mobiliar wurde erneuert. In Hanau ist ein Ausbau der Plätze für das dortige Frauenhaus in Planung. Die Situation vieler von Gewalt betroffener Frauen hatte sich während des ersten Corona-Lockdowns dramatisch verschärft, da sie aufgrund der räumlichen Beschränkungen noch stärker als sonst von ihren Partnern kontrolliert wurden und die Kontaktaufnahme zum Frauenhaus dadurch erheblich erschwert wurde.

Gesellschaftliche Folgen von häuslicher und sexualisierter Gewalt

Häusliche und sexualisierte Gewalt hat nicht nur schwerwiegende und unmittelbare Folgen für die Betroffenen selbst, sondern auch für die Gesellschaft. Das Europäische Institut für Gleichstellungsfragen schätzt die Kosten für Deutschland pro Jahr auf 54 Milliarden Euro. Diese hohen Kosten entstehen im Gesundheitssystem, bei Polizei und Justiz und durch Arbeitsausfall der Betroffenen. „Diese Berechnungen basieren auf den bekannt gewordenen Fällen, die Dunkelziffer dürfte um einiges höher liegen“, schätzt Lea Kircher. Deshalb sei Gewalt gegen Frauen und Kinder keine Privatsache: „Das geht uns alle an und deshalb appellieren wir, nicht wegzuschauen, wenn wir Gewalt in einer Beziehung beobachten“, betont Brigitte Machnitzke. Die Frauenhäuser werden über sogenannte kommunalisierte Landesmittel vom Land Hessen mitfinanziert und auch vom Main-Kinzig-Kreis, der Stadt Hanau sowie weiteren Kommunen im Kreis unterstützt. Doch das deckt die Kosten nicht, weshalb die Frauenhäuser auf Spenden angewiesen sind, um zusätzliche Projekte zur Trauma-Bewältigung anbieten zu können.

Hanauer Stadtlauf unterstützt die Frauenhäuser

„Durch den Hanauer Stadtlauf wird die Arbeit der Frauenhäuser in Hanau und Wächtersbach seit 21 Jahren zuverlässig unterstützt, was uns eine große Hilfe ist“, betont Brigitte Machnitzke. Vor fast 22 Jahren haben sich Frauen des 1. Hanauer Lauftreffs, des Sportkreises Main-Kinzig und der beiden Frauenbüros in Hanau und im Main-Kinzig-Kreis zusammengetan und die Idee für den Benefizlauf ins Leben gerufen. Bis heute sind dies die zentralen Akteurinnen im Organisationsteam. Ohne die vielen ehrenamtlichen Helfer und Helferinnen vom 1. Hanauer Lauftreff, der Arbeit des Sportkreises Main-Kinzig und weiterer unterstützender Vereine aus Hanau wäre der Stadtlauf nicht möglich. Die Organisation des Laufes ist eine große Gemeinschaftsleistung. Auch treue Sponsoren sind jedes Jahr unverzichtbare Säulen des Laufes. Der Erlös aus der Benefiz-Laufveranstaltung hilft direkt Frauen und Kindern, die von Gewalt betroffen sind. Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky und Erste Kreisbeigeordnete Susanne Simmler haben auch in diesem Jahr, in dem der Lauf wieder wie gewohnt gemeinsam auf der Straße stattfindet, die Schirmherrschaft übernommen.

„Wir sind sehr dankbar für jedwede Form der Unterstützung. Unser Benefizlauf ist ein starkes Zeichen der Solidarität und zeigt, dass unsere Gesellschaft nicht bereit ist, Gewalt gegen Frauen und Kinder einfach so hinzunehmen“, erklärt Claus Kaminsky und fügt hinzu: „Gewalt in Beziehungen ist nie etwas Privates. Wir müssen alle aufmerksam sein und gemeinsam hinschauen, wenn wir Zeichen der Herabsetzung, Verletzung und Erniedrigung in unserem Bekanntenkreis oder in der Nachbarschaft erkennen. Nur so können wir Eskalationen vermeiden helfen und rechtzeitig auf Hilfeangebote aufmerksam machen.“ Auch Susanne Simmler macht auf die große Bedeutung des Stadtlaufs aufmerksam: „Wer die Arbeit unserer Frauenhäuser unterstützt, investiert direkt in die Zukunft von Menschen, die auf Hilfe in einer sehr schwierigen Lebenssituation angewiesen sind, damit die Frauen diese Zukunft für sich und ihre Kinder überhaupt erst wieder als Möglichkeit begreifen können. Deshalb ist es so wichtig, dass wir als Gesellschaft hier ein deutliches Zeichen setzen.“

Diese Möglichkeit bietet der Stadtlauf am Freitag, 16. September, ab 17 Uhr auf dem Hanauer Marktplatz. Die Anmeldung ist online möglich über www.hanauer-stadtlauf.de. „Unter dem Motto ,anmelden, dabei sein, spenden‘ freuen wir uns auf viele Menschen, die nach zwei Jahren endlich wieder einzeln oder in Teams aktiv mitlaufen oder mit ihrer Anmeldung die Sache unterstützen“, erklären die beiden Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten Grit Ciani (Main-Kinzig-Kreis) und Cornelia Gasche (Hanau).

Weitere Informationen

·         Das bundesweit geschaltete Hilfe-Telefon„Gewalt gegen Frauen“ ist rund um die Uhr besetzt: 08000 116 016 

·         zum Thema Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt gibt es in der Online-Broschüre des Bundesministeriums für Frauen, Senioren, Familie und Jugend über diesen Kurz-Link: ogy.de/behr

·         zur Istanbul-Konvention aus Sicht der Frauenhäuser sind über diesen Kurz-Link zu finden: ogy.de/yzrr

 

Bildunterschrift: Erst einmal in Ruhe ankommen und durchatmen: In den Räumen der Frauenhäuser sind die notwendigsten Dinge zum Leben schon da. Wichtig ist, dass Frauen, die von körperlicher, seelischer und auch sexueller Gewalt betroffen sind, den ersten Schritt aus der Gewaltspirale heraus wagen. 

 

Quelle: Walzer,Frank

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