Die im Iran geborene und heute in Köln lebende Schriftstellerin Nahid Ensafpour, die Mitglied im Schillerverein Leipzig und im PEN-Club Österreich ist, hat den jüngsten Lyrikzyklus zu “Nestor und die göttlichen Zwillinge” von Peter Völker in einer Rezension gewürdigt.
Der alte Nestor lernt das Leben neu
Nestor, einer der großen homerischen Helden und Inbegriff des weisen und klugen Ratgebers, tritt in Peter Völkers Prosagedichtzyklus Nestor und die göttlichen Zwillinge in einer neuen Gestalt hervor. Aus dem bekannten Helden der homerischen Epen wird ein Mensch, der von der leidvollen Geschichte der Menschheit und den Erfahrungen von Gewalt, Schmerz und Trauer gezeichnet ist. Peter Völker greift die antike Figur auf, verändert jedoch ihr Schicksal und eröffnet Nestor die Möglichkeit, sein Leben noch einmal neu zu erfahren.
Nestor versucht, die Last der Vergangenheit hinter sich zu lassen und sich wieder der Schönheit und Ästhetik des Lebens zuzuwenden. Das Erlebte bleibt dabei allgegenwärtig und bildet einen spannungsvollen Gegensatz zu seiner Wahrnehmung von Licht, Natur und Leben. Auf seiner Reise trifft er auf göttliche Gestalten, die eng mit seinen Sehnsüchten und seiner Suche nach einem erfüllten Leben verbunden sind. Die Begegnung mit Artemis, der Zwillingsschwester Apollons, führt zu einer tiefen emotionalen Verbundenheit und gegenseitigen Zuneigung, die von Vertrauen, inniger Nähe und einer wachsenden gegenseitigen Bedeutung geprägt ist.
Besonders eindrucksvoll ist Nestors Begegnung mit Apollon in seiner Todesstunde. Der Gott des Lichts, der Weissagung und der Heilkunst begegnet hier nicht dem Menschen als überlegene Gottheit. Vielmehr kehrt sich das Verhältnis um: Apollon wird zum Lernenden und erkennt die Weisheit Nestors. Aus dieser Begegnung erwächst für Nestor ein göttliches Geschenk, und damit eine neue Möglichkeit des Lebens.
Gerade in dieser Umkehrung liegt eine der faszinierendsten Ideen des Buches. Völker lässt die Grenzen zwischen Mensch und Gottheit bewusst verschwimmen. Der Mensch erschafft sich seine Götter nach seinen eigenen Vorstellungen, Erfahrungen und Sehnsüchten. Was der Mensch im irdischen Leben denkt und versteht, prägt auch sein Bild von der Gottheit. In diesem Sinne gewinnt auch H. W. Stolls Gedanke aus Mythologie der Griechen und Römer eine besondere Bedeutung: „So wie er ist auch sein Gott; was im irdischen Leben denkt und versteht, bildet auch die Grundlage für seine Ansichten von der Gottheit.“
Peter Völker gelingt es, die homerische Mythologie aus ihrem antiken Rahmen zu lösen und ihr eine neue, gegenwärtige Bedeutung zu geben. Mit dichterischer Kraft pflanzt er den Garten der Poesie neu und lädt den Leser ein, über Menschlichkeit, Vergänglichkeit, Hoffnung und die Schönheit des Lebens nachzudenken. Nestor und die göttlichen Zwillinge ist damit weit mehr als eine Neuinterpretation eines alten Mythos: Es ist eine poetische Suche nach dem, was den Menschen über alle Zeiten hinweg mit den Göttern verbindet.
Nahid Ensafpour, Köln September 2026

Quelle: Peter Völker

