Bei der Arbeitszeit von Müttern hat sich die Lücke zwischen Ost und West auch mehr als drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung nicht verändert. Laut einer aktuellen Studie arbeiten Mütter im Westen im Vergleich zu Müttern im Osten umgerechnet etwa zwei Monate weniger pro Jahr. Das ist nicht nur angesichts des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels relevant. Das Ergebnis ist auch wichtig, um wirkungsvolle politische Maßnahmen für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu entwickeln – beispielsweise zur Elternzeit oder Kinderbetreuung. Nach Ansicht der Forscher können wirtschaftspolitische Maßnahmen allein die Erwerbsbeteiligung von Frauen nicht steigern, solange traditionelle Vorstellungen von der Rolle als Mutter dem entgegenstehen. Das EPoS Economic Research Center der Universitäten Bonn und Mannheim veröffentlicht die Studie im Diskussionspapier “Economic Incentives or Social Norms? Labor Supply Differentials between East and West German Mothers”.
„Wir haben mit dem umfangreichen Datensatz des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) aus den Jahren 2000 bis 2017 simuliert, wie sich wirtschaftliche Anreize und soziale Faktoren auf die Beschäftigungsentscheidungen von Müttern auswirken”, sagt Zainab Iftikhar vom EPoS Economic Research Center. „Ein zentrales Ergebnis ist, dass traditionelle Rollenbilder der Mutter, die zu Hause bleibt und sich um ihre Kinder kümmert, bei weitem der wichtigste Faktor für diese Entscheidungen sind. In den alten Bundesländern ist diese Vorstellung noch immer weit verbreitet und verhindert, dass politische Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie ihre volle Wirkung entfalten.”
Aus den Studienergebnissen lässt sich ableiten, dass berufstätige Mütter im Westen durch höhere Löhne teilweise dafür entschädigt werden, dass sie vom traditionellen Rollenbild abweichen. Nach Ansicht der Forscher könnten politische Maßnahmen, die diese Entschädigung verringern, negative Auswirkungen auf die Frauenbeschäftigung verstärken.
Erwerbsbeteiligung von Müttern in Ost und West
Insgesamt ist die Erwerbsquote von Frauen in Deutschland seit der Wiedervereinigung gestiegen und hat sich laut dem Statistischen Bundesamt in beiden Regionen auf rund 75 Prozent angeglichen. Bei Müttern existieren in Ost und West allerdings weiterhin große Unterschiede bei den Arbeitszeitmodellen. Die aktuelle Studie zeigt: Im Westen betrug der Anteil der Mütter mit Kindern unter zwölf Jahren, die in Vollzeit arbeiten, nur etwa die Hälfte im Vergleich zum Anteil im Osten.
Die neuen Bundesländer haben eine Kultur geerbt, in der Mütter voll berufstätig sind. Das spiegelt sich in den Zahlen wider, obwohl der Anteil zwischen den Jahren 2000 und 2017 um etwa 13 Prozentpunkte zurückgegangen ist. In beiden Teilen Deutschlands arbeiten Frauen nach der Geburt von Kindern häufig in Teilzeit. Verschiedene Bundesregierungen haben versucht, Mütter zu längeren Erwerbsarbeitszeiten zu bewegen. Reformen beim Elterngeld oder bei Kinderbetreuungszuschüssen sollten jedoch durch zusätzliche Maßnahmen ergänzt werden, damit Paare die Erziehungsaufgaben gerechter teilen können, so die Forscher.
„Ein Vorschlag wäre, die bestehenden Vätermonate auszuweiten und besser zu vergüten”, sagt Zainab Iftikhar. „Generell lassen sich gesellschaftliche Normen nur schwer verändern. Solange traditionelle Rollenbilder von Vätern und Müttern fortbestehen, können sie die Wirkung wirtschaftspolitischer Instrumente begrenzen.”
EPoS Economic Research Center in Bonn und Mannheim veröffentlicht Studie
Quelle: NEWSROOM Economic Research EPoS – Bonn & Mannheim Universities

