„Brüder – KulturErben ostdeutscher Malerei“
Eine kleine Zeitreise:
Im Oktober feiern wir wieder den „Tag der Deutschen Einheit“. Der „Mauerfall von 1989“ jährt sich dann zum 37. Mal. Die DDR feierte 1989 ihr 40-jähriges Bestehen. In diesen 40 Jahren der DDR entwickelte sich die Kunst der Malerei anders als im Westen Deutschlands.
Das Kunstgeschehen im Osten wurde durch die SED vorgegeben und sollte die Entwicklung des Sozialismus fördern und stärken. Im Westen bestimmte der „Markt“ die Kunstentwicklung.
Dennoch gelang es weder in der DDR durch staatlichen Einfluss, noch gelang es im Westen durch den Markt künstlerische Strömungen in all ihren unterschiedlichen Facetten einen einheitlichen Stempel, eine einheitliche Richtung aufzuzwängen. Häufig wird missachtet, dass, wenn man von westlicher oder östlicher deutscher Kunstentwicklung spricht, die Grundlagen beider Kunstentwicklungen die gleichen sind. Nämlich jene, die vor 1933 wirkten. In der schrecklichen nationalsozialistischen Zeit, bereits zu Beginn der 1930er Jahre bis 1945, wurde versucht die Kunstentwicklung durch Abräumung und Vernichtung zu tilgen. Bilder wurden als entartet gebrandmarkt. Als entartete Kunst galten im Nazi-Deutschland Kunst und kulturelle Strömungen, die mit der Kunstauffassung und dem Schönheitsideal der Nationalsozialisten, der sogenannten „Deutschen Kunst“, nicht in Einklang zu bringen waren: Expressionismus, Dadaismus, Neue Sachlichkeit, Surrealismus, und Kubismus. Auch Werke von Künstlern mit jüdischem Hintergrund wurden als entartet bewertet.
Expressionismus, Dadaismus, Neue Sachlichkeit, Surrealismus, und Kubismus entstanden aus unterschiedlichen historischen Situationen, reagierten auf die radikalen Umbrüche des frühen 20. Jahrhunderts. Und vor dem 20. Jahrhundert kennen wir die Entwicklungen: Impressionismus, Realismus, Romantik, Klassizismus, Renaissance, Mittelalter bis hin zur Antike. 1945, mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde fortgesetzt, was ab 1933 bis 1945 abrupt unterbrochen wurde.
Meine These: Im Osten Deutschlands wurde das figürlichere befördert, weil der Machtapparat der SED ein neues Menschenbild fördern wollte, im Westen bildete das abstraktere durch den Markt eine wichtige Größe.
Adorno hatte 1949, im Jahr der Gründung der Bundesrepublik und der DDR, die radikale Frage aufgeworfen, ob Kunst nach den Verbrechen des Nationalsozialismus überhaupt noch möglich oder moralisch vertretbar sei. So blickten die westlichen Kunstschaffenden nach Westen, in die USA. Im Osten entwickelte sich der „Sozialistische Realismus“, gefordert und gefördert durch die Vorgaben der SED.
Trotz dieser staatlichen Festlegungen, gab es im Osten Freiräume für Künstler und deren Schaffen. Sie entwickelten sich durch die Aufgeschlossenheit und Toleranz von Menschen, die in Führungspositionen der maßgeblichen Kunsthochschulen tätig waren.
„Brüder – KulturErben ostdeutscher Malerei“
Einer dieser Persönlichkeiten war Bernhard Heisig (1925 – 2011). Durch ihn war es möglich, dass sich im Osten eine staatsfernere Kunstentwicklung feststellen lässt. Er prägte Generationen von Künstlern, die ein eigenständiges Profil entwickeln konnten. Auf einem großartigen Fundament innerhalb der Ausbildung, das sich durch hohen Anspruch an handwerklicher, zeichnerischer, darstellender Qualität gepaart mit tiefem Geschichtsbewusstsein und malerischer Tradition auszeichnet.
Bernhard Heisig war als Rektor der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (HGB) sehr einflussreich. Neben Werner Tübke, Wolfgang Mattheuer und Willi Sitte war er der wichtigste Vertreter ostdeutscher Kunstentwicklung. Ein Künstler, der Realismus, Expressionismus und historische Reflexion miteinander verband, eine prägende Persönlichkeit für Generationen von Malern in der DDR. Er übte seinen Einfluss auf den Ebenen: ästhetisch (expressive Figuration, dramatische Komposition, psychologische Verdichtung), institutionell (Lehrpläne, förderte Talente, setzte Standards) und kulturell (definierte, was „ostdeutsche Malerei“ im Kern sein konnte) aus. Das Schlüsselbild von Bernhard Heisig „Erinnerung an meine Mutter“ (1995) ist in der Ausstellung zu sehen.
Brüder
In der Ausstellung werden Werke von drei Brüder-Paaren gezeigt. Gleichzeitig sind sie alle Brüder im Geiste. Sie teilen ergänzend eine gemeinsame Kulturlandschaft, eine gemeinsame Kunstauffassung in Bezug auf Qualität und sie sind maßgeblich von Bernhard Heisig, der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig geprägt. Einflüsse der anderen wichtigen Städte wie Dresden, Halle, Chemnitz und Berlin, deren Hochschulen für Malerei oder Museen sind nicht zu vernachlässigen, denn es gab zwischen ihnen einen regen Austausch und intensive Inspiration. Herkunft, Art der Ausbildung und künstlerische Prägung werden von ihnen geteilt.
Die Brüder Walter Eisler (*1954 – 2015) und Johannes Heisig (*1953)
stammen aus der berühmten Heisig‑Familie (Vater: Bernhard Heisig). Wurden an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig ausgebildet. Arbeiteten im Spannungsfeld von Realismus, Expressivität und Gesellschaftsbezug. Trotz unterschiedlicher Handschrift teilen sie eine gemeinsame Haltung zur figurativen Malerei. Johannes Heisig, ein Vertreter des kritischen Realismus mit starkem gesellschaftlichem Bewusstsein. Seine Porträts und Szenen sind psychologisch dicht, oft dramatisch, von einer präzisen, aber expressiven Handschrift geprägt. Walter Eisler mit erzählerischem, introspektivem Blick. Seine Figuren wirken nach innen gekehrt, die Farbigkeit ist weicher, die Atmosphäre poetisch und manchmal melancholisch. Zu sehen sind unter anderen die bewundernswerten Großformate „Mach Dir ein Bild“ (170 x 210 cm) von Johannes Heisig, es entstand 2014. Direkt daneben jenes seines Bruders Walter Eisler „Der Architekt“ (180 x 230 cm) aus dem Jahr 2010. Die Ausstellung hätte auch benannt werden können: „Mach Dir ein Bild“, „Machen Sie sich ein Bild“
Hartwig Ebersbach (*1940) und Wolfram Ebersbach (*1943),
ebenfalls leibliche Brüder. Sie sind mit den Vorgenannten tief mit der Tradition von Bernhard Heisig und der Kunstentwicklung in Leipzig verbunden und in der DDR künstlerisch sozialisiert worden. Der ostdeutsche Kulturraum war geprägt durch staatliche Vorgaben in der Kunstauffassung, dennoch gelang durch die Toleranz von Bernhard Heisig, bei Pflege der figürlichen, expressiven oder realistischen Bildsprache, eine eigenständige, existenzielle Themenwahl, ein Ausweichen von vorgegebenen gesellschaftlichen Themen und damit die Möglichkeit eine gemeinsame geistige Haltung zur Kunst zu teilen. Hartwig Ebersbach, der große Expressive der ostdeutschen Kunst. Seine pastosen, fast skulpturalen Farbaufträge machen die Malerei zu einem physischen Ereignis. Seine Serie der Bilder „Reigen/Schatten“ strahlen Energie, Materialität aus. Wolfram Ebersbach, der ruhige, lyrische Gegenpol. Seine Landschaften und Szenen sind atmosphärisch, farblich fein abgestimmt und poetisch verdichtet. Die Werke „Kleiner Himmel, Hof und Hansahof“ sind ebenfalls ergänzen, kontrastieren die Arbeiten seines Bruders.
Lutz Heyder (1950 – 2000) und Jost Heyder (*1954),
diese beiden Heyders sind ebenfalls Brüder und teilen: eine starke Bindung an figürliche Darstellung, eine Verwurzelung in der ostdeutschen Kunsttradition, eine expressive, oft erzählerische Bildsprache. Nicht nur leibliche Brüder, sondern wie alle anderen sehr gut als „Brüder im Geiste“ zu beschreiben – zusätzlich zur familiären Verbindung. Jost Heyder arbeitet mit klarer Form, ruhiger Komposition und einem realistischen Zugriff, der dennoch emotionale Tiefe besitzt. Schemenhaft die Arbeit „Mann mit Hut“. Lutz Heyder expressiv, farbintensiv und gestisch. Die Malerei ist emotional und körperlich. Wie alle gezeigten Arbeiten, die als Selbstporträt bezeichnet sind. Er erinnert in seinem „Selbst an Velázquez“.
Alle drei Brüderpaare können als KulturErben für deutsche Malerei, die sowohl in der Tradition der europäischen und deutschen Malkunst bis 1933 und ab 1945 für die Kunstentwicklung Ostdeutschlands und für jene seit der Wiedervereinigung stehen, bezeichnet werden. Sie sind Kulturträger, die antike, religiöse, mittelalterliche, mythologische und phantastische Zeitströmungen in ihren Werken aufnehmen. – Sie verbindet kein gemeinsames Manifest, dennoch teilen sie Herkunft, Ausbildung und künstlerische Prägung, besonders durch Bernhard Heisig und die ähnlichen Themen wie Gesellschaft, Figur, Ausdruck und Realität. Sie sind somit auch Brüder im Geiste, denn wie Bernhard Heisig waren und stehen sie in einem kontinuierlichen Dialog mit den Kunstströmungen der frühen Moderne. Besonders prägend waren der Deutsche Expressionismus (Kirchner, Nolde, Heckel, Schmidt-Rottluff), die Klassische Moderne (Beckmann, Kokoschka, Corinth), die Neue Sachlichkeit (Dix). Diese Strömungen bildeten den ästhetischen und ideengeschichtlichen Hintergrund auf dem sich die ostdeutsche Kunst, trotz der politischen Rahmenbedingungen, die die SED setzte, entwickelte.
In der Galerie der Villa Bergstraße finden sich auch einige wenige kleine Kopien von bekannten Werken Diego Velázquez und Max Beckmann. Im Betrachten der ostdeutschen Malerei, können in den kleinen Kopien, der Werke von Max Beckmann und Velázquez die Traditionslinien der Brüder-Paare nachempfunden werden.
„Machen Sie sich ein Bild! Ist eine Aufforderung sich in Muse den Ölgemälden zu nähern. Eine Spurensuche von Motiven und Traditionen. Bewusst sind die Werke der Brüder-Paare nur mit einer Nummer und dem Namen des Künstlers versehen. „Machen Sie sich ein Bild“ unbeeinflusst von Titel und Jahresangabe und Herstellungstechnik. Diese Informationen werden in roten Klappdisplays ergänzend gegeben.
Geschichte, Farbe und Emotionen in der Ausstellung „Brüder – KulturErben ostdeutscher Malerei“ kann nachgespürt werden: Villa Bergstraße 50 (Nähe Naturfreundehaus – im Navigationsgerät Bergstraße 48 eingeben) 63517 Rodenbach/Oberrodenbach SA 6.6. – SO 7.6.2026 und FR 12.6. – 14.6.2026, jeweils von 13.00 – 18.00 Uhr, Eintritt frei
Egbert V.F.Erbe
Quelle: Egbert V.F. Erbe

