Die Eröffnung der 1000-Jahrfeier von Rodenbach war ein außergewöhnlicher Moment in der Geschichte der Gemeinde – eine einzigartige Gelegenheit, auf eine so lange Zeitspanne zurückzublicken, die Gemeinschaft zu feiern und das Miteinander sichtbar zu machen. In seiner Festrede nahm der Bürgermeister (SPD) diesen Faden auf, begrūßte zahlreiche Ehrengäste und würdigte mit warmen Worten die vielen Initiativen und Bürgerinnen und Bürger, die durch ihre Mitarbeit, ihr Engagement und ihre Begeisterung die Feierlichkeiten ermöglicht hatten. Ohne das Ehrenamt, ohne die tatkräftige Unterstützung so vieler Hände wäre eine Veranstaltung dieser Größenordnung nicht zu stemmen gewesen. Der Dank war berechtigt und wurde mit viel Applaus aufgenommen.
Doch so feierlich und versöhnlich die Worte klangen, so sehr fiel auf, was fehlte. In einer Zeit, in der die Belastungen für die Bürgerinnen und Bürger so hoch sind wie nie zuvor, hätte es nahegelegen, auch dies klar zu benennen. Noch nie mussten die Rodenbacherinnen und Rodenbacher so viele Steuern und Abgaben leisten, um den Haushalt der Gemeinde zu finanzieren. Gerade die jüngsten Erhöhungen bei der Grundsteuer treffen viele Hausbesitzer empfindlich, und auch über steigende Umlagen und Gebühren spüren die Menschen im Alltag die Folgen. Schon heute steht fest, dass kommende Generationen mit Schulden in noch nie gekanntem Ausmaß in Rodenbach belastet werden.
Während das Jubiläum gefeiert wurde, war kein Dankeswort des Bürgermeisters darüber zu hören, dass es letztlich die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler sind, die die Hauptlast des gesamten Gemeindelebens tragen. Hinzu kommt, dass die Zahl der durch Zwangsabgaben bezahlten Beschäftigten in Rodenbach so hoch ist wie nie zuvor. Auch ihre Gehälter werden von den Bürgerinnen und Bürgern erwirtschaftet. Wer Dank an seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausspricht, sollte auch dies nicht verschweigen: Es ist die Gemeinschaft der Einwohner, die den finanziellen Rahmen schafft, in dem Ehrenamt, Feste und Infrastruktur überhaupt möglich werden.
Noch schwerer wog jedoch das Schweigen zum Thema Zukunft. Ein Jubiläum, das ein ganzes Jahrtausend feiert, ist nicht nur Anlass, sich auf Vergangenes und Ausgrabungen zu besinnen. Es bietet die einzigartige Gelegenheit, den Blick zu heben und sich zu fragen, wie Rodenbach die kommende Zeit gestalten kann. Doch statt einer Vision blieb die Rede im Gestern und Heute verhaftet. Dabei liegen die Themen längst auf dem Tisch: Schon heute prägen technologische und gesellschaftliche Entwicklungen, die unser Leben in den nächsten Jahrzehnten und Jahrhunderten revolutionieren werden, auch die Perspektiven für eine Gemeinde wie Rodenbach.
Immersive Technologien könnten künftig eine ganz neue Rolle spielen. Sie eröffnen nicht nur “nette” Möglichkeiten, Ortsgeschichte lebendig zu machen, indem Bürgerinnen und Bürger durch digitale Brillen das Rodenbach des Mittelalters begehen können. Sie könnten die politische Beteiligung verändern, wenn Gemeinderatssitzungen nicht nur im Saal stattfinden, sondern als virtuelle Räume erlebbar werden, in denen die Menschen direkt Fragen stellen oder über 3D-Modelle von Bauprojekten abstimmen. Auch für Bildung und Schule liegen die Chancen auf der Hand: Kinder könnten im Unterricht nicht nur über die Spessartwälder lesen, sondern sie virtuell mit den vorhersehbaren Folgen des Klimawandels erforschen, und Geschichte würde unmittelbar begehbar.
Ebenso wird die Mobilität ein anderes Gesicht erhalten. Selbstfahrende Autos, Carsharing-Flotten und autonome Shuttles könnten schon in wenigen Jahrzehnten das Rückgrat der Mobilität bilden. Der Ortskern würde damit frei von unnötigem Verkehr, parkenden Autos und Hindernissen auf zu engen Straßen, denn Wege würden wieder zu Räumen für Begegnung und Aufenthalt, während ein intelligentes Netz aus autonomen Fahrzeugen jederzeit für den Transport sorgt.
Auch Roboter werden bereits in den kommenden Jahrzehnten Teil des Alltags sein. In der Pflege könnten sie ältere Menschen im Haushalt unterstützen, sie an Medikamente erinnern oder einfache Handgriffe übernehmen und so mehr Zeit für Seelsorge geben. In der kommunalen Infrastruktur könnten selbstfahrende Wartungsroboter Wasserleitungen überwachen, Straßenlampen kontrollieren oder sogar Schäden selbstständig reparieren und mehr Barrierefreiheit garantieren. Drohnen könnten nach Stürmen Schäden dokumentieren oder im Katastrophenfall Leben retten. In Schulen könnten Lernroboter individuelles Feedback geben, in Museen durch Ausstellungen führen und das kulturelle Erbe vermitteln.
Hinzu kommen Entwicklungen in der Energieversorgung und Verwaltung, die Rodenbach tiefgreifend verändern werden. Energiegenossenschaften, Quartiersspeicher und lokale Flexibilitätsmärkte werden die Grundlage dafür legen, dass die Gemeinde nicht nur klimaneutral, sondern auch weitgehend autark sein kann. Künstliche Intelligenz wird Planungsprozesse unterstützen und helfen, Infrastrukturen effizient zu verwalten. Digitale Zwillinge von Gebäuden, Straßen und Netzen werden der Gemeinde ermöglichen, Sanierungen, Umgestaltungen und Neubauten präziser und nachhaltiger zu planen.
All diese Szenarien sind keine Science-Fiction, sondern Entwicklungen, die bereits absehbar sind. Sie hätten in einer Rede, die den Bogen von 1025 bis 2025 schlägt, einen Platz verdient. Stattdessen blieb der Ausblick vage, fast so, als sei die Zukunft ein Tabuthema. Gerade in einem Moment, in dem Rodenbach seine lange Geschichte feiert, wäre der Mut gefragt gewesen, auch die nächsten Schritte zu benennen. Eine Gemeinde, die stolz auf ihr tausendjähriges Bestehen ist, sollte nicht nur im Gestern verharren, sondern die Vision entwickeln, wie sie in den kommenden Jahrhunderten lebenswert bleibt.
Die Festrede hätte damit weit mehr sein können als ein berechtigter Dank an die Helfer zu Füßen der Bühne des Bürgermeisters. Sie hätte ein Signal senden können, dass Rodenbach bereit ist, die Herausforderungen der Gegenwart ehrlich zu benennen und die Chancen der Zukunft mutig zu ergreifen. Stattdessen blieb das Gefühl zurück, dass die Gegenwart beschönigt und die Zukunft ausgeblendet wurde. Für ein Jubiläum, das ein ganzes Jahrtausend umfasst, war das eine verpasste Gelegenheit.
Quelle: Dr. Oliver Everling