Mittwoch, Januar 7, 2026
StartRegion 2Hanau„Vom Pfarrer in den Tod geschickt: Heimerziehung im Nationalsozialismus am Beispiel des...

„Vom Pfarrer in den Tod geschickt: Heimerziehung im Nationalsozialismus am Beispiel des Kreiserziehungsheims Mühlheim am Main”

Dokumentation zusammengestellt von Frank Zimmermann
Vernissage: Samstag, 21. Februar, 18.00 Uhr
Einführung: Frank Zimmermann
Öffnungszeiten: bis zum 1. März jeweils samstags und sonntags von 14.00 – 17.00 Uhr
Führungen für Schulklassen werden zusätzlich angeboten
Veranstaltungsort: Remisengalerie des Hanauer Kulturvereins im rechten Torgebäude des Schlosses Philippsruhe in Hanau, Philippsruher Allee 45

Die Ausstellung enthält großformatige, gerahmte Fotos, zahlreiche Dokumente zum Teil in Schaukästen, künstlerische Werke von Rheinhold Mehling, Roll-up Displays und Info-Tafeln sowie akustische Zeitzeugenberichte.

Und darum geht es: „Ich habe mittlerweile Belege, dass das Kreiserziehungsheim Teil der Umsetzung der erweiterten Euthanasie im Dritten Reich war”, sagt Frank Zimmermann. Der Mühlheimer hat es sich zur Aufgabe gemacht, ein braunes Kapitel regionaler Geschichte ans Licht zu zerren, über das – wie nicht selten bei dieser Thematik – nur zu gern der Mantel des Schweigens geworfen wurde.

Neben bereits gut aufgearbeiteten Bedeutungen vergleichbarer Einrichtungen, zum Beispiel des Kalmenhofs in Idstein oder des Eichbergs im Rheingau, sei der von den Nazis sogenannte besondere Erziehungsauftrag für das Kreiserziehungsheim Mühlheim bisher unbekannt, so Zimmermann. Dieser Erziehungsauftrag habe nichts anderes beinhaltet, als Zöglinge der Ermordung in der Tötungsanstalt Hadamar zuzuführen.

Wie sehr die Geschichte der Einrichtung unter verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden kann, mögen zwei Beispiele aus verschiedenen Jahrzehnten belegen: „Kinder und Jugendliche, die aus zerrütteten Familienverhältnissen stammten oder Waisen waren und deshalb im Kindererziehungsheim Mühlheim untergebracht waren, wurden hier zwangssterilisiert.

Eine zentrale Rolle in der gut geölten Maschinerie der Grausamkeit spielte der Anstaltsleiter Pfarrer Hans Hoffmann. Der stramme Nazi hatte die Leitung des Heims von seinem Vater übernommen und war bis 1945 dort als Direktor tätig. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte er 1948 unbehelligt in den Dienst der Kirche zurück, war von 1951 bis 1968 evangelischer Pfarrer in Rumpenheim.

„Neben seiner Rolle als führender Nationalsozialist in Mühlheim, verantwortete er als Anstaltsleiter der Kreiserziehungsanstalt die Umsetzung der Rassenhygiene des Dritten Reichs durch Sterilisationen bei Kindern und Jugendlichen.

Das Buch „Erinnerungen” von Hoffmanns Tochter, die ihren Vater ausführlich als rührenden Seelsorger und Hobbyimker beschreibt, dessen „liebe zum Dienst, zu seiner Familie und der Natur” für ihn die „Grundlage seiner christlichen Lebensweise und seines Glaubens” gewesen sei.

In der NS-Zeit hatte sich indes ein anderer Hans Hoffman offenbart. Im Fall des Jugendlichen Willi K., der nach Strafverbüßung in einem Jugendgefängnis „wegen missbräuchlicher Fahrradbenutzung, Unterschlagung und Schulversäumnis” kurz im Kreiserziehungsheim Mühlheim untergebracht war, schlug Heimleiter Hans Hoffmann vor, „bei diesem gemeinschaftsfremden Analphabeten möglichst schnell zur endgültigen Liquidation zu kommen.”

Einem weiteren 15 Jahre alten Jungen, der von Oktober 1934 bis Mai 1935 in seiner Anstalt untergebracht war, bescheinigte der Pfarrer in einer zustimmenden Stellungnahme zum Antrag auf Zwangssterilisation des Erbgesundheitsgerichts am Amtsgericht Offenbach: Schon konstitutionell sei er das ausgesprochene Bild der Degeneration: „Vogelkopf, vorstehender spitzer Oberkiefer, hoher Gaumen, schlotternder Gang, schmächtiger Körperbau bei weit über das Alter entwickelten Geschlechtsmerkmalen.”

Der Hanauer Kulturverein möchte vor allem Schulklassen ab der 10. Klasse oder interessierten Jugendgruppen die Gelegenheit geben die Ausstellung unter fachkundiger Leitung zu besuchen.

Die Führungen leitet der Mühlheimer Frank Zimmermann. Sie werden während des Ausstellungszeitraumes stündlich in der Zeit von 9 bis 14 Uhr angeboten.

Kontakt/Anmeldungen zu Führungen von Montag 23. Februar bis Freitag 27. Februar 2026 mit gewünschter Zeitangabe werden erbeten via Email an robert-elbe@freenet.de

Das Kreiserziehungsheim Mühlheim wurde ca. Anfang 1950 aufgelöst und die verbliebenen Jugendlichen nach Steinheim (damals noch zum Kreis Offenbach gehörend) überwiesen. Hier verliert sich die Spur der verbliebenen Jugendlichen.

Frank Zimmermann sucht weitere Belege und mögliche Zeitzeugen sowie deren Verwandte zu den Geschehnissen im Kreiserziehungsheim in Mühlheim und Steinheim. Wer dazu beitragen kann, diesen Abschnitt regionaler Historie aufzuarbeiten, sollte sich bei ihm melden (die Informationen werden vertraulich behandelt): E-Mail: frank.zimmermann 61@yahoo.de

Bild: das Gebäude des Kreiserziehungsheimes mit Jugendlichen.

 

Quelle: Redaktion MKK Echo

Ähnliche Artikel
- Advertisment -

Am beliebtesten