Andere Tätigkeitsfelder, neue Perspektiven: Beim Aktionstag „Schichtwechsel” tauschen Menschen mit und ohne Behinderung ihre Arbeitsplätze. 2026 haben sich bundesweit rund 400 Werkstätten und etwa 5.000 Menschen beteiligt – so viele wie nie zuvor. Auch die Tourist-Info Gelnhausen war dabei.
Aufregender Tag für Alexandra Dittmar. Eigentlich arbeitet die Gelnhäuserin seit einigen Monaten in der Wäscherei der Barbarossawerkstatt der BWMK gGmbH in Altenhaßlau. Doch heute geht es für sie in die Tourist-Information Gelnhausen – den Arbeitsplatz von Beate Kleespies. Die langjährige Mitarbeiterin der Stadtverwaltung informiert hier über die Sehenswürdigkeiten und Freizeitangebote der Barbarossastadt, organisiert und vermittelt Stadt- und Themenführungen und ist eine wichtige Ansprechpartnerin für Besucherinnen und Besucher. Heute tauscht sie die Rolle mit Alexandra Dittmar.
Möglich macht es der bundesweite Aktionstag „Schichtwechsel”, bei dem Menschen mit und ohne Behinderung Einblicke in die jeweils andere Arbeitswelt erhalten. Alexandra Dittmar und Beate Kleespies sind aufgeregt, denn sie nehmen erstmals an der Aktion teil. Bevor der eigentliche Rollenwechsel beginnt, treffen sie sich mit den anderen Teilnehmern im Hanauer Brockenhaus. Und das sind viele. Mehr als 30 Betriebe machen am Donnerstag, 24. September 2026, mit – ein Rekord. Nach der offiziellen Begrüßung wird es ernst, denn dann geht es an die neue Arbeitsstätte. Und da hat Alexandra Dittmar alle Hände voll zu tun.
Mehr los, als gedacht: Einblicke in die Tourist-Info erhalten
„Ich war wirklich aufgeregt, was auf mich zukommt, aber der Tag in der Tourist-Info war wirklich toll”, sagt die Gelnhäuserin später. Dabei kennt sie die Einrichtung schon – immerhin ist Beate Kleespies die Mutter ihres Lebensgefährten. „Wir unterhalten uns oft über unsere Tätigkeiten, aber selbst einmal Teil des Teams zu sein, ist eben etwas ganz anderes”, sagt Alexandra Dittmar. Ihre Aufgaben an diesem Donnerstag sind vielfältig. Vom Ausschneiden und Aufkleben der Etiketten für die Apfelweinflaschen über das Sortieren der zahlreichen Flyer bis zum Packen der Neubürgertaschen und dem Aufräumen der Souvenirs lernt sie zahlreiche Arbeitsabläufe kennen. Auch in der Stadt ist sie unterwegs, um die Schaukästen zu aktualisieren. Dazu kommen die Begegnungen mit den Besucherinnen und Besuchern. „Es waren wirklich viele Gäste in der Tourist-Info, schon am Vormittag. Es war viel mehr los, als ich gedacht hätte”, sagt Alexandra Dittmar nach der Schicht. „Und die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen hat mir großen Spaß gemacht. Das Team ist fantastisch.”
Erfahrungen in der Großwäscherei
Unterdessen taucht Beate Kleespies in Altenhaßlau in eine ganz andere Arbeitswelt ein. Berührungspunkte zum BWMK hat sie längst. „Mein Sohn arbeitet seit 2008 in verschiedenen Werkstätten des Sozialunternehmens. Deshalb kenne ich die Organisation sehr gut. Aber die Erfahrung, in einem der Betriebe mitzuarbeiten, kann das nicht ersetzen”, meint die Mitarbeiterin der Tourist-Info. Von der Wäscherei der Barbarossawerkstatt ist sie beeindruckt, auch wenn diese nur einen kleinen Teil des Betriebs in Altenhaßlau ausmacht. Bis zu 5 Tonnen Textilien landen täglich in den großen Industriewaschmaschinen. Vom Putzlumpen bis zu Kleidung – hier wird sortiert, vorbehandelt, gewaschen, gemangelt und gebügelt. Die Kunden stammen längst nicht mehr nur aus der Region. „Hier werden Textilien für Krankenhäuser in Gießen und Marburg und natürlich auch für die Main-Kinzig-Kliniken gewaschen”, nennt Alexandra Dittmar nur ein Beispiel.
Rund 20 Menschen arbeiten in der Wäscherei, mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Unterstützungsbedarfen. „Wir haben drei Gruppenleiter, die genau darauf achten, dass sich jeder wohlfühlt und mit seiner Tätigkeit zufrieden ist”, berichtet Alexandra Dittmar. „Das ist eine große Leistung.”
Rücksichtnahme und effizientes Arbeiten passen zusammen
Beate Kleespies kann das bestätigen. „Die Atmosphäre ist von einer besonderen Rücksichtnahme geprägt. Menschen mit und ohne Behinderung arbeiten zusammen und lassen sich ganz großartig auf sie ein. Das zu erleben war wirklich toll”, sagt sie nach dem Aktionstag. Und: „Die Stimmung war prima. Die neuen Kolleginnen und Kollegen haben mich freundlich aufgenommen, waren wirklich interessiert an mir, ich war ein echter Teil des Teams.” Was sie besonders beeindruckt hat: „Die rücksichtsvolle Atmosphäre und das effiziente Arbeiten passen hier ganz selbstverständlich zusammen.”
Genau dieser Gedanke wird im BWMK seit 1974 gelebt. Damals gründeten die Lebenshilfe-Vereine aus Hanau, Gelnhausen und Schlüchtern das Sozialunternehmen als gemeinsamen Träger für ihre Werkstätten. Heute ist die BWMK gGmbH an mehr als 60 Standorten im Main-Kinzig-Kreis und in Hanau aktiv. Zum Unternehmen gehören unter anderem acht Werkstätten für Menschen mit Behinderungen und zudem Wohn-, Beratungs-, Bildungs- und Betreuungsangebote. Zur BWMK-Gruppe zählen außerdem acht Tochterunternehmen, davon fünf Inklusionsbetriebe, in denen Menschen mit und ohne Beeinträchtigung tätig sind. Ziel ist es, Menschen mit Behinderungen ein möglichst selbstbestimmtes Leben und gesellschaftliche Teilhabe in den Bereichen Arbeit, Bildung, Wohnen und Freizeit zu ermöglichen.
Stadt will Beteiligung am Aktionstag ausbauen
Der bundesweite Aktionstag „Schichtwechsel” wurde 2017 in Berlin entwickelt und wird seit 2019 von der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen organisiert. Das BWMK nimmt seit mehreren Jahren daran teil.
Bürgermeister Christian Litzinger freut sich darüber: „Der Aktionstag trägt dazu bei, Vorurteile und Berührungsängste abzubauen. Das stärkt Verständnis, Wertschätzung und Teilhabe. Deshalb bin ich froh, dass auch die Stadt Gelnhausen mit der Tourist-Information dabei war.” Sein Wunsch: die Beteiligung der Stadt am Schichtwechsel noch stärker ausbauen.
„Das ist gut”, findet Beate Kleespies. Für die Mitarbeiterin der Tourist-Info steht fest: Sie will auch beim nächsten Schichtwechsel dabei sein. Ideen hat sie genug. „Das BWMK betreibt Kindergärten und eine Grundschule. Da würde ich gerne hineinschnuppern.” Auch ein Tag im Westpark würde sie reizen, dem inklusiven Fitness- und Gesundheitszentrum des BWMK in Hanau-Steinheim.
Und Alexandra Dittmar? Sie sagt: „Ich mache im nächsten Jahr auf jeden Fall wieder mit. Vielleicht in einer Bäckerei.” Noch lieber, meint der leidenschaftliche Handballfan, wäre eine Schicht in der Geschäftsstelle ihres TV Gelnhausen.
Weitere Informationen gibt es unter http://www.bwmk.de und http://www.gelnhausen.de/tourismus/.
Quelle: Stadt Gelnhausen

