Es war eine Woche voller Erinnerung, kulturellem Austausch und dem gemeinsamen Engagement für eine friedvolle und nachhaltige Zukunft in der französischen Partnerregion Hessens, der Nouvelle-Aquitaine: Im Rahmen eines von der Europäischen Union geförderten Erasmusprojekts trafen sich Schülerinnen und Schüler der Kopernikusschule Freigericht mit französischen und schwedischen Jugendlichen im Dezember in Bordeaux, um sich mit der Vergangenheit und der Sicherung von Frieden, Freiheit und Demokratie auseinanderzusetzen. Nicole Knappe-Credé und Maria-Luise Campen-Schreiner begleiteten die Schülergruppe der Kopernikusschule. Das Projekt vereinte rund 30 Jugendliche aus Freigericht, Bordeaux und Stockholm. Sie hatten die Gelegenheit, ihre Kenntnisse in der französischen und englischen Sprache zu vertiefen. Durch den Aufenthalt in Gastfamilien konnten sie enge Freundschaften bilden.
Ziel der Projektarbeit an der Partnerschule war die Untersuchung, wie eine gemeinsame Erinnerung aufgebaut werden kann, um auf der Basis der Erfahrungen in der Vergangenheit die Beziehungen in Europa zu verbessern. Vorrangig ging es auch um die Entwicklung der EU und um die Möglichkeiten, wie Kriege und Konflikte in Frieden und Zusammenhalt umgewandelt werden können.
Als Vorbereitung hatten die Schülerinnen und Schüler sich mit dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 beschäftigt und Familienmitglieder zu ihren Erinnerungen interviewt. Sie präsentierten die Ergebnisse der individuellen Recherchen und berichteten über Fakten und Emotionen. Anhand von Materialien erkannten sie, dass Geschichte nicht nur subjektiv ist, sondern eine Kombination aus Fakten und Forschungen auf der Grundlage einer kollektiven Geschichte. Sie nahmen an einem Workshop zum Thema Gedächtnisbildung teil, der in mehrsprachigen gemischten Gruppen durchgeführt wurde. Die Aktivität bestand darin, gemeinsam ein Puzzle zusammenzusetzen, das die Entstehung von individuellem und kollektivem Gedächtnis veranschaulicht, mit dem Ziel, herauszufinden, wie diese beiden Konzepte miteinander verbunden werden können. Sie setzten sich mit Porträts von vergessenen Menschen auseinander und arbeiteten mit verschiedenen Biografien. Die Frage war, was einen echten Helden oder eine Heldin ausmacht. Die Aufgabe bestand darin, sie zu ehren und aus ihrem Beispiel zu lernen, um eine größere europäische Einheit zu erreichen. Nach der Recherche zu historischen Sehenswürdigkeiten in der Schule fanden die Schülerinnen und Schüler verschiedene Namen von Sehenswürdigkeiten in Bordeaux entlang der Garonne heraus, die mit dem Projekt in Verbindung stehen. Somit besichtigten sie die berühmtesten Denkmäler und identifizierten gemeinsame Orte der Erinnerung.
Im Bassin d’Arcachon gab es eine Führung durch den Bunker 507, der unter der Stadt Arcachon originalgetreu erhalten und dann in ein Bildungsmuseum umgewandelt wurde, das einen direkten Einblick in eine Zeit des Konflikts bietet. Eine Historikerin gab Erläuterungen zum Bau und zur Zeitachse sowie zu historischen Fakten. Auf der Düne von Pilat konnte aus ökologischer Sicht die Bedeutung des Naturschutzes und der Konzentration auf Nachhaltigkeit bewusst werden.
Der Besuch der U-Boot-Basis in Bordeaux (Bassin des Lumières) zeigte eindrucksvoll Meilensteine der deutsch-französischen Freundschaft, da der deutsche Offizier Heinz Stahlschmidt den Hafen von Bordeaux vor der Zerstörung bewahrte. Er zündete die vor dem Abzug der Besatzungstruppen angebrachten Sprengsätze nicht. Das Bassin des Lumières ist mit der Entdeckung der Möglichkeiten digitaler Kunst und künstlerischer Gestaltung im geschichtlichen Kontext, mit Gegenwarts- und Zukunftsbezug ein gutes Beispiel dafür, wie ein Ort des Terrors und des Krieges in einen Ort der Kultur und Kunst verwandelt werden kann.
Als Vorbereitung auf die offizielle Gedenkfeier zur Operation Frankton arbeiteten die Jugendlichen an einem problemorientierten Projekt und erfuhren, wie 12 Offiziere der Royal Navy vor 83 Jahren mit Kajaks nach Bordeaux kamen. Bei der Gedenkfeier wurde ein Kranz niedergelegt. Die Schülerinnen und Schüler der Kopernikusschule verlasen eine Rede, die Winston Churchill ursprünglich am 19. September 1946 an der Universität Zürich gehalten hatte. Churchill hatte vorgeschlagen, die Organisation der Vereinten Nationen zu stärken, um die europäische Familie in Form der Vereinigten Staaten von Europa wieder herzustellen. Als ersten Schritt wollte er einen Europarat gründen. Frankreich und Deutschland sollten gemeinsam die Führung übernehmen. Ein Schüler verlas einen Auszug aus einer Rede von Charles de Gaulle vom 15. Mai 1962. Er hatte die Bedeutung der Solidarität zwischen Frankreich und Deutschland betont für ein vereintes Europa.
Das Erasmusprojekt zeigte nicht nur die Wichtigkeit von internationaler Zusammenarbeit im Bildungsbereich, sondern stärkte auch den interkulturellen Austausch. Beim emotionalen Abschied gab es die Gewissheit, dass die Gäste aus Bordeaux und Stockholm im März an der Projektwoche der Kopernikusschule Freigericht teilnehmen werden. Bereits im Februar findet das Treffen in Stockholm statt.

Quelle: Thorsten Weitzel

