Die Eskalation im Nahen Osten und die Blockade der Straße von Hormus treiben Öl- und Gaspreise weltweit nach oben. Hohe Energiepreise sind nicht nur auf volkswirtschaftlicher Ebene ein Problem, sondern werden schnell zur ganz konkreten Existenzbedrohung für Unternehmen – auch in Deutschland. Thomas Krings, Managing Partner beim Zahlungsinstitut cflox, erklärt, warum steigende Energiekosten Liquidität und Margen von Unternehmen unter Druck setzen – und wie sie sich jetzt finanziell wappnen können.
Der Konflikt im Nahen Osten trifft die Weltwirtschaft an einer seiner empfindlichsten Stellen: der Energieversorgung. Nach den Angriffen der USA und Israels auf den Iran und der anschließenden Sperrung der Straße von Hormus sind die Öl- und Gaspreise sprunghaft gestiegen. Für viele Unternehmen in Deutschland bedeutet das einen finanziellen Schock, mit unmittelbaren Folgen für Liquidität, Margen und Investitionsfähigkeit – und möglicherweise sogar für die eigene Existenz. Zunächst schlagen die steigenden Energiepreise direkt auf die Kostenstruktur durch. Besonders energieintensive Branchen wie die Chemie-, Stahl-, Aluminium-, Glas- oder Papierindustrie sehen sich plötzlich mit deutlich höheren Produktionskosten konfrontiert. Doch die Auswirkungen reichen weit über diese Sektoren hinaus: Höhere Energiepreise verteuern Transport, Logistik und zahlreiche Vorprodukte und treiben damit die Kosten entlang der gesamten Wertschöpfungskette nach oben.
Für die Unternehmensfinanzen bedeutet das vor allem eines: einen steigenden Liquiditätsbedarf. Energie, Transport und Materialien müssen teurer eingekauft und vorfinanziert werden, während Zahlungsziele gegenüber Kunden und in der Lieferkette meist unverändert bleiben. Der Druck auf das Working Capital wächst stark, weil mehr Kapital in laufenden Betriebskosten und Vorräten gebunden ist.
Hinzu kommt der Margendruck: Oft lassen sich Kostensteigerungen nicht sofort oder nur teilweise an Kunden weitergeben. Entsprechend schrumpfen Gewinne, und Eigenkapitalpolster werden dünner, was wiederum den finanziellen Spielraum für Investitionen erheblich beeinträchtigt. Unternehmen könnten gezwungen sein, geplante Projekte in den Bereichen Transformation, Digitalisierung oder Expansion zu verschieben, was wiederum negative Folgen für ihre langfristige Wettbewerbsfähigkeit hätte. Die Unsicherheit über die weitere Entwicklung der Energiepreise erschwert zudem die Planung. Budgets, Preisstrategien und Investitionsentscheidungen basieren plötzlich auf hoch volatilen Annahmen. Gleichzeitig könnten Banken und Kapitalgeber in einem solchen Umfeld vorsichtiger werden und höhere Risikoaufschläge verlangen.
Neben den bereits genannten energieintensiven Branchen, wie Chemie und Stahl stehen zunehmend auch Unternehmen im Agrarbereich und im Handel, die traditionell mit sehr geringen Margen unterwegs sind, unter Druck. Viele dieser Unternehmen sehen sich nun mit einer deutlichen Einschränkung ihrer finanziellen Handlungsfähigkeit konfrontiert.
Kurzfristig geht es deshalb vor allem darum, Liquidität zu sichern. Unternehmen müssen bereit sein, nicht zwingende Ausgaben zu verschieben oder sind sogar gezwungen, Zahlungen an Lieferanten zu verzögern. Allerdings schaffen nur eine starke Lieferkette und pünktliche oder vorzeitige Zahlungen an Lieferanten gegenseitiges Vertrauen und sichern die Warenverfügbarkeit. Umso mehr sind Werkzeuge gefordert, die dies ermöglichen und gleichzeitig das Working Capital verbessern. Zudem sollten sie ihre Liquiditätsreserven prüfen und aufstocken, um Preisspitzen abzufedern, und in enger Abstimmung mit Banken und Lieferanten flexible Zahlungsziele oder Zwischenfinanzierungen vereinbaren.
Langfristig zeigt die aktuelle Krise, wie wichtig finanzielle Resilienz geworden ist. Um diese zu erreichen, gehören Themen wie diversifiziertere Lieferketten, ein strategisches Energiemanagement sowie eine frühzeitige und datenbasierte Liquiditätsplanung auf die Agenda jeder Unternehmensführung. Unternehmen, die ihre Energieeffizienz steigern, sich durch erneuerbare Energien unabhängiger von Öl und Gas machen, ihre Lieferkettenrisiken streuen und ihre Finanzprozesse
digitalisieren, können auf künftige Energiepreisschocks flexibler reagieren. Finanzielle Resilienz ist somit keine Option mehr, sondern eine zentrale Voraussetzung für unternehmerische Handlungsfähigkeit in einer zunehmend unsicheren Welt.
Quelle: Henning Mönster

