Es gibt Ziele, auf die man Jahre hinarbeitet. Für Sascha Lippert war es die 11-Stunden-Marke beim Ironman. Am 7. Juni 2026 hat er sie nicht nur geknackt – er hat sie mit einer Zielzeit von 10:35:30 Stunden über 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und einen Marathon weit überboten. Nach zehn Monaten konsequenter Vorbereitung, einem brutalen Sturm auf dem Rad und einem epischen Kampf im Kopf auf den letzten Marathonkilometern steht fest: Dieser Ironman war mehr als ein Rennen.
Zehn Monate. Jeden Monat 180 Kilometer Laufen, 1.100 Kilometer auf dem Rad und 35 Kilometer im Schwimmbecken. Was sich in Zahlen nüchtern liest, war für Lippert das Fundament eines Plans, der diesmal aufgehen sollte. Beim Ironman in Roth 2024 hatte er die Sub-11 knapp verpasst – vor allem wegen des Marathons. Also arbeitete er in der Vorbereitung nicht nur an der Fitness, sondern bewusst an der mentalen Stärke für die schwierigen Momente eines Langdistanzrennens. Dazu kam der Frankfurt-Marathon als wichtiger Baustein sowie die tägliche Balance zwischen Belastung und Erholung – besonders wichtig wegen einer alten Knieverletzung aus der Football-Zeit. Das Ergebnis: eine Vorbereitung ohne eine einzige ausgefallene Trainingseinheit.
In Hamburg angekommen, war die Vorfreude zunächst kaum zu spüren – stattdessen wuchsen die Selbstzweifel, befördert von einem Wetterbericht, der Wind und Regen ankündigte. Doch am Morgen des Wettkampfs änderte sich alles. Ein Handshake von Triathlon-Legende Jan Frodeno kurz vor dem Start ließ die Gänsehaut zurück, und dann fiel der Startschuss. Das Schwimmen in der Alster verlief überraschend mühelos. Lippert fand sofort seinen Rhythmus, zog sein eigenes Rennen durch und stieg nach 1:02:33 Stunden aus dem Wasser – eine persönliche Bestzeit, die das Ergebnis jahrelanger Arbeit an seiner schwächsten Disziplin widerspiegelt.
Auf dem Rad wartete die eigentliche Herausforderung des Tages. Hamburg ist flach – aber an diesem Tag war das Wetter längst nicht die größte Bedrohung. Heftiger Gegenwind auf den langen Deich-Passagen, rutschige Straßen in der zweiten Runde und beschlagende Brillengläser im Dauerregen sorgten zwar für extreme Bedingungen – doch was den Wettkampf wirklich überschattete, war ein vorsätzlicher Sabotageakt: Unbekannte hatten in den frühen Morgenstunden millimeterkleine Metallspäne auf mehreren Straßenabschnitten im Stadtteil Kirchwerder verteilt. Dutzende Amateurfahrer konnten nicht mehr ausweichen, verloren die Luft aus den Reifen, mussten schieben oder das Rennen abbrechen. Ein 29-jähriger Teilnehmer stürzte, erlitt einen Knochenbruch und kam ins Krankenhaus. Der Staatsschutz des Landeskriminalamts hat die Ermittlungen übernommen – wegen des Verdachts der versuchten gefährlichen Körperverletzung. Lippert blieb verschont, doch das Kopfkino lief permanent mit: Bitte nicht jetzt. Er hielt die Nerven, blieb diszipliniert im geplanten Leistungsbereich und fuhr die 177 Kilometer in 5:23:21 Stunden (33 km/h) ins Ziel der Radstrecke.
Vom Rad gestiegen, war der Körper bereits angezählt. Die ersten Marathonkilometer trug die Hamburger Kulisse mit ihrer einzigartigen Atmosphäre – überall Menschen, überall Anfeuerung, und an der Strecke seine Eltern sowie Simone, deren Rückhalt ihm nach eigener Aussage unglaublich viel Kraft gab. Bis Kilometer 25 lief alles nach Plan. Dann begann der eigentliche Kampf: Die Energie schwand, die Verpflegung funktionierte nicht mehr, und die Erinnerungen an Roth kamen zurück. Gehpausen ließen sich nicht vermeiden. Doch diesmal nutzte Lippert die Zweifel als Antrieb. Der Satz seines früheren Trainers Dennis – „Jeder Meter, den du läufst, bringt dir hinten raus Zeit“ – wurde sein Begleiter durch die schwersten Kilometer. Sieben bis acht Kilometer vor dem Ziel setzte plötzlich wieder Energie frei. Er lief – in einem Tempo, das er sich kurz zuvor nicht mehr zugetraut hatte – den Marathon in 3:58:01 Stunden ins Ziel.
Als er in den Zielbereich einbog und zum ersten Mal auf die Anzeigetafel schaute, leuchteten dort 10:35:30 auf. Nicht knapp unter elf Stunden – deutlich darunter. Lebenstraum erfüllt. Lippert selbst fasste es so zusammen: „Es geht nicht darum, einen perfekten Ironman zu machen. Ich musste auch diesmal kämpfen. Ich musste gehen. Ich musste zweifeln. Aber ich habe nie aufgehört, wieder anzulaufen. Und genau darauf bin ich am meisten stolz.“


Quelle: Raffael Berger

