Gelnhausen – Es sind die Tage, an denen im Schwimmsport Sekundenbruchteile über monatelange Arbeit entscheiden. Wenn dann die Kulisse stimmt, wachsen Sportler über sich hinaus. Genau das erlebte das Stuttgarter Sportbad Neckarpark am vergangenen Wochenende bei den 74. Süddeutschen Meisterschaften der offenen Klasse und den Jahrgangsmeisterschaften. Mitten im dichten Getümmel der Großstadt-Vereine und hochgerüsteten Stützpunkte: ein neunköpfiges Aufgebot des SV Gelnhausen. Ein vergleichsweise kleiner Verein, der sich auf dieser großen Bühne nicht nur behauptete, sondern der Konkurrenz ordentlich Paroli bot.
Entsprechend groß stand der Stolz im Gesicht von Trainerin Heike Heger geschrieben. Sie hatte ihre Schützlinge punktgenau in absolute Spitzenform geführt. Die neun qualifizierten Schwimmer dankten es ihr mit einem denkwürdigen Auftritt, der von einer Welle des gegenseitigen Anfeuerns und einer Flut persönlicher Bestzeiten getragen wurde.
Drama auf der Bruststrecke
Für den emotionalen Höhepunkt des Wochenendes sorgte Carl Relecker (Jg. 2013). Seine Bilanz liest sich makellos: Jeder seiner Starts endete auf dem Podium. Doch der Weg dorthin war pures Drama. Auf der kräftezehrenden 200-Meter-Bruststrecke schoss ihm ein heftiger Wadenkrampf in die Muskulatur. Aufgeben? Keine Option. Mit schierem Willen biss sich Carl durch und schlug nach 2:38,29 Minuten als viel umjubelter Süddeutscher Jahrgangsmeister an. Dass der Krampf auch das anschließende 100-Meter-Freistilrennen überschattete, trug er mit purer Willenskraft durch und sicherte sich in 0:58,36 Minuten dennoch Silber. Dem setzte er zwei weitere Silbermedaillen über 200m Lagen (2:23,04) und 100m Brust (1:14,62) sowie ein überlegenes Gold über 200m Freistil (2:06,72) obenauf.
Wie tief die Qualität im Gelnhäuser Team verankert ist, zeigte sich beim Blick auf die Plätze direkt hinter ihm. Über die 200 Meter Brust machte Jonas Tittel (Jg. 2013) den Doppelsieg perfekt. Er pulverisierte seine alte Bestmarke um sage und schreibe vier Sekunden und sicherte sich in 2:39,10 Minuten den Vize-Titel. Doch das war für Jonas noch nicht alles: Er glänzte auf den weiteren Bruststrecken und sicherte sich über 50m Brust eine weitere Silbermedaille (0:33,89) sowie Bronze über die 100m Brust (01:14,95). Wie stark die Gelnhäuser Leistungen gerade auf diesen Strecken an diesem Wochenende waren, bewies auch Oskar Vaupotic (Jg. 2010), der sich in einem extrem dichten Teilnehmerfeld über die 200-Meter-Distanz auf starke 2:34,05 Minuten steigerte.
Von Finaltickets und Millimeterentscheidungen
Der unumstrittene Routinier im Gelnhäuser Express war Ole Heeger (Jg. 2008). Er lieferte auf den Rückenstrecken ein Meisterstück ab. Im Jahrgang gab es für ihn kein Vorbeikommen am Podest: Gold über 50 Meter (0:27,59), Silber über 100 Meter (1:00,54) und Bronze über die 200 Meter (2:14,77). Doch Ole war damit noch nicht fertig. Auf allen drei Strecken buchte er das Ticket für die offenen Finals der absolut besten Schwimmer Süddeutschlands und schwamm dort inmitten der Elite dreimal unter die Top 6.
Dass im Schwimmsport Freud und Leid oft nur Millimeter auseinanderliegen, mussten Tim Auhl (Jg. 2012) und Mats Glock (Jg. 2012) erfahren. Mats lieferte über 50 Meter Brust ein fabelhaftes Rennen ab und schrammte in 0:33,79 Minuten als Vierter haarscharf am Edelmetall vorbei. Der Trost war jedoch riesig: Die Zeit bedeutet die sichere Qualifikation für die Deutschen Jahrgangsmeisterschaften. Ein ähnliches Bild bei Tim: Nach einem furiosen Sprint zu Bronze über 50 Meter Freistil (0:25,94) schlug er über die 200-Meter-Strecke trotz exzellenter Bestzeit von 2:05,80 Minuten auf dem undankbaren vierten Platz an.
Die Details entscheiden
Es sind oft die kleinen Justierungen, die den Unterschied machen. Carl Monceyron (Jg. 2008) hatte erst kurz vor den Meisterschaften eine Feinheit in seiner Schwimmtechnik umgestellt. Unter Druck setzte er diese im Stuttgarter Becken perfekt um und belohnte sich mit einer neuen Bestzeit über 50 Meter Schmetterling (0:27,31). Abgerundet wurde das starke Mannschaftsergebnis durch Lina Heeger (Jg. 2010), die im Freistilsprint ihre Klasse bewies (00:29,36 Minuten über 50 Meter und 1:03,27 Minuten über 100 Meter), und Mylow Birkenbach (Jg. 2010), der mit einer Zeit von 00:34,24 Minuten über 50 Meter Brust wichtige Erfahrungen auf süddeutscher Ebene sammelte.
Am Ende dieses kräftezehrenden Wochenendes nimmt das Team des SV Gelnhausen weit mehr als nur Edelmetall mit in die Barbarossastadt. Heike Heger und ihre Schwimmer wissen nun exakt, an welchen Stellschrauben im Training der kommenden Wochen gedreht werden muss, um bei den nationalen Titelkämpfen die nächste Stufe zu zünden. Der in Stuttgart gezeigte Teamgeist dürfte dafür der perfekte Treibstoff sein.


Quelle: Schwimmverein Gelnhausen

