Berufstätige Frauen mit Kindern verfolgen deutlich unterschiedliche Wege, um Familie und Karriere unter einen Hut zu bekommen. Dreh- und Angelpunkt ist dabei die Frage nach der Fremd- und Eigenbetreuung der Kinder. So entscheiden sich manche Frauen bewusst für eine kleine Familie und investieren Geld in externe Kinderbetreuungsangebote. Andere wählen vorausschauend einen familienfreundlichen Beruf, zum Beispiel als Lehrerin, der ihnen genügend Flexibilität bietet, sich weitgehend selbst um die Kinder zu kümmern. Politische Entscheidungsträger, die diese strategischen Entscheidungen nicht berücksichtigen, laufen Gefahr, Ziele wie beispielsweise eine Erhöhung der Geburtenrate zu verfehlen. Das sind Erkenntnisse einer Untersuchung des EPoS Economic Research Centers der Universitäten Bonn und Mannheim auf Basis von Daten der niederländischen Statistikbehörde. Die Studie wird im Diskussionspapier „Navigating Motherhood: Endogenous Penalties and Career Choice” veröffentlicht.
Frau Özdemir, Politiker wollen Frauen durch Zuschüsse für Kinderbetreuung dabei helfen, Familie und Beruf besser zu vereinbaren. Wie wirksam sind solche Maßnahmen?
Yasemin Özdemir: Unsere Forschung liefert einen Erklärungsansatz, warum finanzielle Hilfen für die Kinderbetreuung möglicherweise keinen bedeutenden Babyboom auslösen. Einige Mütter treffen diesbezügliche Entscheidungen lange vor der Geburt ihres ersten Kindes und wählen bewusst ein familienfreundliches Berufsfeld. Sie haben entschieden, dass sie viel Zeit mit ihren künftigen Kindern verbringen möchten. Andere Mütter wollen weniger Kinder bekommen und sich stattdessen auf ihre Karriere konzentrieren. Bei diesen Abwägungen dürften zusätzliche Gelder für die Kinderbetreuung kaum eine Rolle spielen. Anstatt mehr Kinder zu bekommen, nutzen einige Eltern das zusätzliche Geld, um die Qualität der Betreuung und Bildung ihrer Kinder zu verbessern, die sie schon haben. Politiker, die das Ziel verfolgen, die Geburtenrate zu steigern, sollten realistisch sein und die beschriebenen strategischen Entscheidungen von Frauen berücksichtigen.
Wie gelingt es den Frauen in der Praxis, Familie und Kinder unter einen Hut zu bekommen?
Yasemin Özdemir: Wir stellen fest, dass Frauen ihre Entscheidungen offenbar erfolgreich optimieren: Gut verdienende Mütter mildern Einbußen für die eigene Karriere ab, indem sie in Kinderbetreuung investieren und sich damit zeitliche Freiräume verschaffen. Andere Mütter nutzen gezielt die zeitliche Flexibilität von familienfreundlichen Berufen im Bildungs- oder Sozialbereich, um mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen. Frauen, die diesen Weg einschlagen, haben oft mehr Kinder als Mütter in der ersten Gruppe. Wir schließen daraus, dass es Frauen mit ihren gezielten Entscheidungen gelingt, eine Balance zwischen Familie und Beruf zu finden, die ihren individuellen Vorstellungen entspricht. Interessant: Der Einkommensverlust von Frauen, die sich bewusst für ein familienfreundliches Berufsfeld entscheiden, ist über das Erwerbsleben hinweg nur sehr gering. Der Verlust beträgt etwa 2,5 Prozentpunkte der Einkommenseinbußen, die Frauen bedingt durch die Mutterschaft im Vergleich zu Männern erleiden (Child Penalty). Damit sind Einbußen gemeint, die Mütter ab dem Jahr vor der Geburt des ersten Kindes bis acht Jahre danach im Beruf erleiden. Unser Studienergebnis ist unerwartet, denn in familienfreundlichen Branchen liegen die Gehälter oft niedriger.
Die Teilzeitquote von Frauen in Deutschland hat zuletzt einen neuen Höchststand erreicht. Was müsste geschehen, damit es mehr Vollzeitbeschäftigung gibt?
In Deutschland bedeutet „erfolgreiches Elternsein” für viele Menschen, entweder viel Zeit oder Geld in die Kinder zu investieren. Solange dies der Fall ist, werden Frauen sich weiterhin aus solchen Berufsfeldern zurückziehen, die wenig Flexibilität für die Kindererziehung bieten, oder weniger Kinder bekommen. Um an der hohen Teilzeitquote von Frauen etwas zu ändern, müssen politische Entscheidungsträger in jedem Fall berücksichtigen, wie geplante Maßnahmen die zeitlichen und finanziellen Anforderungen der Kindererziehung jeweils beeinflussen.
Bild: Yasemin Özdemir, EPoS Economic Research Center/©Yasemin Özdemir
Quelle: Redaktion MKK Echo

