„KeinNotfall“ im Kreis gestartet: Kleinere Schäden können digital gemeldet werden
Wenn schwere Unwetter über den Main-Kinzig-Kreis ziehen, laufen in der Integrierten Leitstelle in Gelnhausen schnell Hunderte von Meldungen pro Stunde auf. Überflutete Straßen und lose Gullydeckel am Fahrbahnrand, vollgelaufene Keller, umgestürzte Bäume auf einem Radweg oder andere kleinere Schadenslagen werden ebenso aufgenommen und bearbeitet wie Fälle, in denen Menschen akut in Gefahr sind. Um die Notrufkanäle in solchen Situationen zu entlasten, damit sie frei bleiben für Betroffene, für die der Einsatz der Feuerwehr oder des Rettungsdienstes lebenswichtig ist, hat der Main-Kinzig-Kreis das browserbasierte Angebot „KeinNotfall“ eingeführt.
„Wir gehen mit der Einführung konsequent den nächsten Schritt in Sachen digitaler Gefahrenabwehr. Bürgerinnen und Bürger können bei größeren Unwetterlagen kleinere Schadensereignisse künftig digital über ihr Smartphone an die Leitstelle melden. Ein Anruf über die Notrufnummer 112 ist dafür nicht mehr erforderlich, aber natürlich weiterhin ebenso möglich“, erklärte Landrat Thorsten Stolz bei der Vorstellung des Programms.
Der wesentliche Vorteil von „KeinNotfall“ liegt in der Entlastung der Notrufkanäle. Gerade bei heftigen Unwettern kann die Zahl der eingehenden Anrufe innerhalb kurzer Zeit stark ansteigen, etwa auf 800 Anrufe pro Stunde, wie im Sommer 2024 während eines Unwetters über dem Westkreis. Werden Meldungen über kleinere, nicht unmittelbar lebensbedrohliche Ereignisse digital erfasst, stehen die telefonischen Leitungen stärker für echte Notfälle zur Verfügung.
Davon profitieren insbesondere Menschen, die sich in einer akuten Notsituation befinden und schnell Hilfe benötigen. Gleichzeitig erhält die Leitstelle einen besseren Überblick über die gemeldeten Schadenslagen, kann Mehrfachmeldungen zusammenfassen und den Feuerwehren vor Ort bei der Priorisierung der Einsätze helfen. Die Einsatzkräfte können dadurch gezielter disponiert und die vorhandenen Ressourcen nach Dringlichkeit eingesetzt werden.
Der Abteilungsleiter Gefahrenabwehr, Reiner Kaul, begleitet die Einführung von „KeinNotfall“ aus der praktischen Perspektive der Einsatzsteuerung. „Für die Leitstelle bedeutet das neue Verfahren vor allem eine zusätzliche Möglichkeit, Informationen aus einer Unwetterlage strukturiert aufzunehmen. Wir setzen während einer Großschadenslage Personal gezielt dafür ein, die Meldungen aus KeinNotfall direkt zu bearbeiten und weiterzugeben, hier gibt es also keinen zeitlichen Verzug bei der Aufnahme des Falls im Vergleich zum klassischen Anruf über die 112“, führte Kaul aus.
An der Umsetzung im Main-Kinzig-Kreis beteiligt ist auch Ausbildungsleiter Manuel Hack, der die Einführung und Schulung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie die organisatorischen Abläufe in der Leitstelle mitgestaltet, etwa im Zusammenspiel mit den örtlichen Feuerwehren. Eine Meldung lasse sich binnen kürzester Zeit absetzen: Ort des Schadens auf einer Karte eintragen, Foto hochladen, Kurzbeschreibung dazu – und schon kann die Leitstelle den Hinweis auf der Einsatzliste der örtlichen Feuerwehr hinzufügen. „Die Handhabe ist intuitiv. Wir haben viele Probeläufe gemacht und können die guten Erfahrungen, die in anderen Bundesländern mit KeinNotfall gemacht wurden, nur bestätigen“, sagte Hack.
„KeinNotfall“ wurde im Raum Oldenburg entwickelt und kommt in Niedersachsen verbreitet zum Einsatz, darüber hinaus in der Stadt Essen. Der Main-Kinzig-Kreis nutzt als erste Gebietskörperschaft in Hessen die Software. Dazu arbeitet der Kreis mit der Firma BTC aus Oldenburg zusammen. Lothar Liesen von BTC verwies auf die beachtlichen Anteile an digitalen Schadensmeldungen im Einzugsgebiet von Leitstellen, wo „KeinNotfall“ zum Einsatz kommt. „Während des Sturmtiefs Poly im Jahr 2023 hat eine Leitstelle bereits 20 Prozent der Meldungen über KeinNotfall hereinbekommen“, so Liesen.
Auch für die Feuerwehr bringt das digitale Verfahren Vorteile: Die eingehenden Meldungen sind zuletzt durch die Bilddokumentation des Einsatzorts „für die Einsatzleitungen leichter priorisierbar“, wie Dr. Wolfgang Lenz, Leiter des Amts für Gesundheit und Gefahrenabwehr sagte. „Sie können besser unterscheiden, wo unmittelbarer Handlungsbedarf besteht und welche Einsätze nachgeordnet bearbeitet werden können“, so Lenz. Oft zieht sich die Gesamteinsatzdauer über viele Stunden hin – ein abgebrochener Ast auf einem wenig frequentierten Weg kann daher auch später beseitigt werden.
„Wir haben starke, leistungsfähige Feuerwehren und Rettungsdienste im Main-Kinzig-Kreis. Wir tragen als Landkreis mit unserer Leitstelle und in unserer überörtlichen Koordination dafür Sorge, dass sie gerade dann Entlastung erhalten, wenn die Schlagzahl enorm nach oben geht“, fasste es Landrat Stolz zusammen. „Dann ist KeinNotfall ein weiteres Puzzleteil unserer Digitalisierungsstrategie, um Hilfe gut und schnell dort hinzubringen, wo sie am dringendsten gebraucht wird.“ „KeinNotfall“ steht damit beispielhaft für einen Wandel, bei dem digitale Werkzeuge die klassische Gefahrenabwehr ergänzen. Der Notruf 112 bleibt das zentrale Instrument für akute Notfälle. Gleichzeitig schafft die digitale Meldemöglichkeit einen zusätzlichen Kommunikationsweg für Situationen, bei denen zwar ein Schaden vorliegt, aber keine unmittelbare Gefahr für Leib und Leben besteht.
Quelle: Main-Kinzig-Kreis

