Joachim Laatz

Joachim Laatz

Redaktion

Ein Glücksfall

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33 Jahre managt Erika Koch das Vorzimmer der Gelnhäuser Bürgermeister – Nach insgesamt 47 Dienstjahren verabschiedet sie sich in die Ruhephase der Altersteilzeit

Es ist alles wie immer. Und doch ganz anders. In Zimmer 102 stapeln sich die Unterschriftenmappen, gerade ist neue Post angekommen, das Telefon klingelt, eine Mitarbeiterin wartet auf den Start ihres Gesprächstermins mit dem Rathauschef, der braucht aber noch einen Ingwertee. Der Eingangsstempel für die Post hat sich verklemmt und in zehn Minuten muss der Sitzungssaal für ein Bewerbungsgespräch vorbereitet und mit Getränken bestückt sein. Die Räder im Vorzimmer des Bürgermeisters stehen selten still. Aber der Betrieb läuft jetzt ohne Erika Koch. Jahrzehntelang navigiert sie ihre Chefs mit Weitblick, Diskretion, Fachkompetenz, Selbstdisziplin und Herzlichkeit zuverlässig durch die täglichen Herausforderungen, Unwägbarkeiten und Überraschungen des Amtsalltags. Nach 47 Dienstjahren, 33 Jahre davon im Vorzimmer von drei Bürgermeistern, befindet sie sich nun in der Ruhephase der Altersteilzeit. Nicht ohne vorher im würdigen Rahmen verabschiedet worden zu sein.

Für Erika Koch, deren Markenzeichen seit Jahren moderne Kleider oder Rockkombinationen und ihre spezielle rote Haarfarbe sind, ist es schwer zu glauben, das schon 47 Jahre vergangen sein sollen. Fast fünf Jahrzehnte, seit sie als Erika Gläser ihre Ausbildung im Jahr 1974 bei der Stadt Gelnhausen beginnt. Damals ist sie gerade einmal 15 Jahre alt. „Ich wollte immer ins Büro. Das war für mich damals schon klar“, erinnert sie sich. 1958 kommt sie in Saalfeld in Ostpreußen zur Welt, 1963 siedelt die Familie in den „Eisenhammer“ nach Brachttal-Neuenschmidten um. Erika Koch geht in Wächtersbach zur Schule. Nach ihrer Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten wechselt sie direkt ins Hauptamt der Stadtverwaltung Gelnhausen, betreut zunächst das Parlamentarische Büro und managt dann das Büro von Hauptamtsleiter Michael Schwaab. 1978 startet sie mit einem Ausbildungslehrgang für den Mittleren Verwaltungsdienst, den sie 1980 erfolgreich abschließt.

Im Dezember 1988 wechselt Erika Koch ins Vorzimmer des Bürgermeisters, ein Arbeitsfeld, das ihr bereits durch Vertretungstätigkeiten vertraut war. Fortan managt sie das Vorzimmer von Bürgermeister Jürgen Michaelis. Auch er weiß nicht nur ihre Fachkompetenz und Herzlichkeit, sondern vor allem ihre Diskretion, Loyalität, ihre Integrität, ihr Taktgefühl und ihre Zuverlässigkeit zu schätzen. Sie ist geradezu selbstverständlich asketisch, was das eigene Sendungsbewusstsein und Geltungsbedürfnis betrifft und wirft sich wie ein Schutzschild vor alles Unerwünschte und Lästige, das ins Vorzimmer hineingetragen wird. Sie ist Kompass, Filter und Warnsystem zugleich, liefert im richtigen Moment die richtige Arbeitsvorlage, widmet sich mit stoischer Gelassenheit den immer gleichen Anliegen der immer gleichen Bürger, schaltet in Sekundenbruchteilen auf Beraterin und Seelsorgerin um, bleibt stets freundlich, auch wenn ihr Unmut entgegenschlägt oder sie selbst radikale Sachlichkeiten vorbringen muss. Und verschafft sich und ihren Chefs mit dem berühmten Drei-Wort-Satz „Wir melden uns“ Entscheidungs- und Aktionspielsraum. Nicht alle Aufgebrachten lassen sich besänftigen, ein Bürger wirft mit Gegenständen nach ihr, ein anderer nennt sie eine „blöde Kuh“. Aber das seien in all den Jahren wirklich seltene Ausnahmefälle gewesen, versichert Erika Koch. Ungleich schwerer wiegen die schönen Erlebnisse. „Ich habe so viele interessante Menschen getroffen, die das Gelnhäuser Rathaus besucht haben. Darunter Staatsoberhäupter, Minister und Funktionsträger wie Hans-Dietrich Genscher, Karl Carstens, Colin Powell und nicht zuletzt Angela Merkel“, berichtet Erika Koch. „Sehr beeindruckend war für mich die Wiedereröffnung der Ehemaligen Synagoge als kulturelle Begegnungsstätte im Jahr 1986“, erinnert sie sich.

Nach 18 Jahren im Vorzimmer von Bürgermeister Jürgen Michaelis muss sich Erika Koch 2006 an einen neuen direkten Vorgesetzten gewöhnen. Doch Bürgermeister Thorsten Stolz sieht keinen Bedarf, das Management in seinem Vorzimmer umzukrempeln. „‘Wir machen das so weiter, Frau Koch‘, hat er damals an seinem ersten Tag gesagt.“ Viel mehr erfährt man nicht. Erika Koch praktiziert Diskretion bis in den Ruhestand. Und es ist nicht anzunehmen, dass sie in diesem Lebensabschnitt von ihrer Verschwiegenheit abweicht. „Ich habe diesen Beruf immer gerne ausgeübt. Und ich musste mich nicht verbiegen.“ Vieles wird sie vermissen, die Abläufe, die Hektik, die Kolleg*innen, manches mehr, manches weniger. Zu „weniger“ gehört zweifellos die Rathaustreppe. „Ich habe keine Ahnung, wie oft ich diese Treppe rauf und runter gelaufen bin.“ Wie oft sie den Satz „Koch, Vorzimmer Bürgermeister…“ in den mehr als drei Jahrzehnten am Telefon gesagt hat, lässt sich nur vage schätzen. Vielleicht eine halbe Million mal…?

2017 erwartet Erika Koch ein erneuter Chefwechsel. Daniel Chr. Glöckner wird Bürgermeister. Bei der offiziellen Abschiedsfeier mit geladenen Gästen in der Kulturherberge berichtet er, dass es eigentlich keine Worte gibt, die den Dank gegenüber Erika Koch vollumfänglich ausdrücken könnten. „Diese Frau war mein Fels in der Brandung. Sie ist perfekt. Ein Glücksfall“, sagt er schließlich. Viele Bürgermeister aus dem Kreis hätten ihn um diese Sekretärin beneidet. In seiner teilweise emotionalen Rede spricht Glöckner auch über gemeinsame „Wurst-Probier-Momente“ und das Freitagsritual „Der Glöckner und die Koch‘ beschließe jetzt die Woch‘“. „Ich bin so dankbar, Sie gehabt zu haben“, schließt er seine Rede. „Danke für alles“, sagt auch Sabrina Heinze-Friedrich, die derzeit kommissarisch das Personalwesen leitet, aber viele Jahre lang Personalratsvorsitzende in der Stadtverwaltung war.

Erika Koch, die jahrzehntelang als Akteurin hinter den Kulissen solcher Empfänge gewirkt hat, steht plötzlich selbst im Rampenlicht. Und zeigt: auch das kann sie. Sie bedankt sich vor allem bei den Kolleg*innen für viele schöne Momente, für die Unterstützung und das Vertrauen. Unter den Gästen sind Abteilungs- und Fachbereichsleitungen, etliche langjährige Kolleg*innen, amtierende und bereits ausgeschiedene Magistratsmitglieder*innen, der langjährige, frühere Hauptamtsleiter Michael Schwaab und das politische Urgestein Willi Kurz, der in vielen Funktionen mit Erika Koch zusammenarbeitete. Die Palette der Geschenke ist vielfältig. Darunter: eine Gartenbank von Bürgermeister Glöckner und ein Buch, aufgemacht im Stil einer roten Aktenmappe, in dem alle Kolleg*innen Bilder und zum Teil sehr persönliche Texte für Erika Koch hinterlassen haben.

Ihren Ruhestand wird Erika Koch in ihrer Wahlheimat Freiensteinau- Holzmühl genießen. Mitte der 1980er Jahre hat die Mutter eines Sohnes mit ihrem Mann Erwin dort ein Haus gebaut. Ihr 90-jähriger Vater lebt mit in der Hausgemeinschaft.  Erika Koch hat immer in Vollzeit gearbeitet. „Mein Tag wird nun eine andere Struktur annehmen. Aber langweilig wird mir nicht“, ist sie sich sicher. Wandern, Städtereisen und der Besuch von Rock- und Popkonzerten in Fulda oder Frankfurt gehören zu ihren Hobbies, die sie gemeinsam mit ihrem Mann pflegt. Nicht zu vergessen ihr etwa 1000 Quadratmeter großer Garten. „Ich liebe meinen Garten“, bekennt sie. Nun hat sie mehr Zeit, ihn zu gestalten. Das Vorzimmer des Bürgermeisters managen ihre Nachfolgerinnen Melanie Müller und Sina Heine, jeweils in Teilzeit.

Quelle: Stadt Gelnhausen

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